
Am Frankfurter Hauptbahnhof wird Sasa Stanisic an diesem Sonntagmorgen kaum der Idee verfallen sein, an Gleis neun mal eben das Walzzeichen zu begutachten, so zwischen Triebwagen und Prellbock. Das wäre ja auch viel zu gefährlich. Und obendrein ist der Hauptbahnhof alles andere als menschenleer, was auch der Zugkraft des jungen Literaten zuzuschreiben ist.
Es bedarf sämtlicher Stühle auf der Empore der Schalterhalle, damit die vielen Menschen überhaupt Platz finden zwischen den Olivenbäumchen in der Literatur-Lounge der Deutschen Bahn. Es ist richtig voll, obwohl Sonntagmorgen, elf Uhr. An der Bar zischt die Milchschaumdüse unentwegt.
Moderator Heiner Boehncke ist ehrlich baff, dass so viele gekommen sind, aber irgendwie auch nicht baff, immerhin habe Stanisic mit seinen 28 Jahren eine "literarische Blitzkarriere" hingelegt. Seit der gebürtige Bosnier zur vergangenen Buchmesse mit seinem Debütroman /Wie der Soldat das Grammofon repariert/ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises landete, ist er viel auf Lesereisen, viel auf Bahnhöfen.
Am Sonntag erheitert Stanisic sein großes Publikum mit literarischen Spielen, bei denen Substantive in Sprichworten oder Gesetzestexten um eine bestimmte Anzahl von Stellen im Duden verschoben werden ("Erst Arbeitslosigkeit, dann Verhaftung", "Der Würfelzucker des Menschen ist unantastbar"). Dann liest er aus seinem traurig-komischen Roman über die Flucht seiner Familie aus dem Bosnien-Krieg.
Der Hauptbahnhof und seine Betriebsamkeit verschwinden dabei völlig aus der Wahrnehmung der Zuhörer. Diese Empore über der Schalterhalle ist ein merkwürdiger, aber ein wunderbarer Ort für eine Lesung.
*Die Literatur-Lounge* beginnt an jedem ersten Sonntag im Monat um elf Uhr. Das nächste Mal am 4. März mit Johano Strasser.